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14. Januar 2020

Weshalb die Studienwahl nicht auf deinen Interessen basieren sollte

Bei der Wahl des richtigen Studiums lauern viele Fallstricke: Der Irrglaube, dass die eigenen Interessen eine fundierte Basis für diese Entscheidung darstellen, ist einer von ihnen.

Wer nach dem Abitur eine genaue Vorstellung davon hat, wo seine berufliche Reise hingehen soll, gehört damit heute zu den absoluten Ausnahmefällen. Klar ist in der Regel nur: Der Beruf soll gleichzeitig Berufung sein. Doch wie findet man den Job, der nicht nur das nötige Einkommen, sondern gleichzeitig Spaß undErfüllung mit sich bringt?

Eine Antwort auf diese Frage suchen viele Abiturienten und angehende Studentenin ihren Hobbies und Interessen. Im ersten Moment ist das durchaus einleuchtend: Hier wissen sie, woran sie sind, sie gehen dieser Leidenschaft vielleicht schon seit ihrer Kindheit nach, fühlen sich dabei wohl, geborgen und sicher. Ganz im Gegensatz zu den Aufgaben, mit denen etwa Anwälte, Personalmanager, Sozialarbeiter oder Ingenieure täglich zu tun haben. Von diesen hat schließlich kaum ein Abiturient überhaupt eine Vorstellung – es sei denn, Menschen aus ihrem näheren Umfeld gehen diesen Berufen nach. Diese Kausalität impliziert bereits die erste Problematik, die mit einer rein interessenbasierten Berufswahl einhergeht:

1. Interessen haben immer etwas mit Gelegenheiten zu tun

Wofür jemand sich begeistert oder interessiert, ist gerade in jungen Jahren oft abhängig von äußeren Faktoren, wie der Familie, Freunden oder dem räumlichen Umfeld. Wer in den Alpen wohnt, wird beispielsweise mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit zum leidenschaftlichen Skifahrer als jemand, der in einer norddeutschen Stadt wie Berlin oder Hamburg aufwächst. Ebenso wird das Kind eines Fahrradhändlers vermutlich eher eine Begeisterung fürs Tüfteln und Handwerken entdecken als jemand, der in einer Familie ohne Bezug zu praktischen Tätigkeiten groß wird. Eine wichtige Frage, die man sich vor seiner Studienwahl stellen sollte, ist daher: Habe ich schon alles ausprobiert, was mich interessieren könnte? Oder gibt es vielleicht etwas, das mir noch mehr liegen undgefallen könnte, als meine bisherigen Hobbies – mit dem ich bisher aber noch keine Berührungspunkte hatte?Hinzu kommt, dass wir einige Studienfächer vorschnell aus dem Pool an Möglichkeiten ausschließen, wenn bestimmte äußere Umstände uns glauben lassen, sie lägen nicht in unserem Interessengebiet. Sei es ein einfallsloser Physiklehrer, der uns jeglichen Spaß an der Materie nimmt, eine entmutigende Arbeitslosenstatistik, ein Medienbericht oder ein festverankerter Glaubenssatz, wie „Wer nichts wird, wird Wirt“ – die potenziellen Quellen der Beeinflussung sind vielfältig. Das zeigt: Wer sich bei der Berufswahl allein an seinen Interessen orientiert, verlässt sich gewissermaßen auf den Zufall und geht damit das Risiko ein, einige vielversprechende Bereiche gar nicht erst in Betracht zu ziehen.

2. Interessen korrelieren nicht unbedingt mit Talenten

Nicht alles, was ich interessant finde, kann ich auch gut. Ein Beispiel: Ich singe leidenschaftlich gern unter der Dusche oder während des Autofahrens – würde aber niemandem außerhalb meines engsten Freundeskreises zumuten, mir dabei zuzuhören. Das spricht natürlich in keiner Weise dagegen, dem Hobby in meiner Freizeit weiterhin voller Herzblut nachzugehen. Wenn es jedoch um den Beruf geht, sollte neben der Leidenschaft immer auch ein gewisses Talent vorhanden sein. Denn nur, wenn ich meinen Stärken entsprechend arbeite, werde ich auch langfristig motiviert und zufrieden sein. Ich erhalte schließlich automatisch mehr positives Feedback, werde gefördert und kann schneller mehr Verantwortung übernehmen. Zudem muss ich mich nicht jeden Tag auf einer Ebene auspowern, die mir eigentlich gar nicht entspricht. Das spart enorme Kraft und Ressourcen. Wer hingegen an seinen Stärken vorbei arbeitet, wird immer das Gefühl haben, ingewisser Weise „neben der Mine zu buddeln“. Trotz aller Bemühungen und Anstrengungen wird man von anderen abgehängt – das ist nicht nur erschöpfend,sondern auf Dauer auch enorm frustrierend.

3. Der Blick auf die ganze Persönlichkeit fehlt

Last but not least: Wer sich bei der Berufswahl lediglich an Interessen orientiert, lässt damit die eigene Persönlichkeit, seinen individuellen Wesenskern, außer Acht – und damit den wichtigsten und aufschlussreichsten Faktor, wenn es darumgeht, die eigene Bestimmung zu finden. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzenund seine Charakterzüge in allen Facetten zu ergründen, erfordert viel Zeit und Kraft. Das mag auf viele abschreckend wirken: Schließlich wäre es doch viel leichter, einfach abzuwarten. Irgendwann wird der Heureka-Moment, die plötzliche Eingebung, schon kommen ... oder?

Um nicht bis ins hohe Alter vergeblich auszuharren, helfen die folgenden Fragen, um den Prozess der Studienwahl auf Basis einer detaillierten Persönlichkeitsanalyse strukturiert anzugehen:

Wie ticke ich und was zeichnet mich aus? Bin ich eher intro- oder extravertiert? Sachlich oder fantasievoll? Gewissenhaft oder flexibel? Sensibel oder stabil?

Welche Stärken, Talente und Fähigkeiten habe ich? Was kann ich besonders gut? Was ist mir immer schon leicht gefallen? Wofür habe ich bereits häufiger Lob und Anerkennung erhalten? Wann habe ich das letzte Mal richtig gut performt und mich dabei stolz und sicher gefühlt?

Was motiviert mich? Welche Umstände müssen gegeben sein, damit ich mich mit Elan und Eifer an die Arbeit begebe? Brauche ich ein wettbewerbsorientiertes oder eher ein harmonisches Umfeld? Spornen mich Herausforderungenan oder spüre ich vor allem das Bedürfnis, etwas zum Allgemeinwohl beizutragen? Bin ich besonders engagiert, wenn ich unabhängig arbeiten kann, oder brauche ich viel Routine?

Welche Werte leiten mein Handeln? Was halte ich für gut und richtig? Wonach richte ich mein Verhalten aus? Geht mir zum Beispiel nichts über Freiheit, Gerechtigkeit oder Gerechtigkeit? Stehen bei mir Wohlstand und Ansehen an oberster Stelle? Oder sind mir Beziehungen, Sicherheit und Harmonie besonders wichtig?

Welche Bedürfnisse habe ich? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Blühe ich auf, wenn ich mit anderen Menschen zusammenarbeiten kann? Oder bin ich froh, wenn ich Ruhe habe und mein eigenes Ding durchziehen kann? Mag ich feste Strukturen oder möchte ich so flexibel wie möglich sein?

Falls es dir schwerfällt, diese Fragen selbst zu beantworten, kannst du auch deineFamilie oder enge Freunde hinzuziehen und sie um ihr ehrliches Feedback bitten. Außerdem hilft es, dich selbst eine Zeit lang bewusst zu beobachten und dir täglich Notizen zu den oben aufgeführten Fragen zu machen.

Wenn du all diese Fragen beantwortet hast, ist ein wichtiger Schritt in Richtung deiner Studienwahl bereits getan. Nun kannst du die einzelnen Puzzleteile zusammenfügen und daraus ableiten, welche Fächer und Berufsbilder für deine Persönlichkeit besonders geeignet wären. Und im nächsten Schritt heißt es dann: Gelegenheiten schaffen und in der Praxis – zum Beispiel durch ein Schnupperstudium oder Praktika – herausfinden, welcher Tätigkeitsbereich tatsächlich das Potenzial hat, dich nachhaltig zu erfüllen.

Es gibt so viele Möglichkeiten – woher weiß ich, dass ich das richtige wähle?

Heutzutage stehen SchülerInnen viel mehr Optionen offen als früher. Das bietet riesige Chancen. Bedeutet aber gleichzeitig auch, dass alle Optionen abgewogen werden müssen …

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